Einleitung

 

Stiftskirche von Süden- Aufnahme: Clemens Kosch, Paderborn

Das Frauenstift Gernrode wurde um 959 von Markgraf Gero I. (20. Mai 965) auf dem Gelände seiner Burg errichtet. Nach dem Tod seiner beiden kinderlosen Söhne drohte Geros Familie auszusterben. Um sein Seelenheil zu sichern und um den Erbansprüchen seiner Geschwisterkinder zuvorzukommen, gründete er ein Kanonissenstift und setzte seine verwitwete Schwiegertochter Hathui zur Äbtissin ein.

Gero unterstellte dem Stift das Eigenkloster Frose als Propstei. 961 erwirkte er bei Otto d. Gr. den Königsschutz, die rechtliche Autonomie (Immunität) und das Recht auf freie Wahl der Äbtissin und des Vogtes. Auf einer Romreise übertrug er seine Gründung dem Stuhl Petri. Zum Dank stellte Papst Johannes XII. das Stift unter päpstliche Aufsicht. Damit wurde es der Kontrolle des Bischofs von Halberstadt entzogen.

Nach dem Tod der Äbtissin Sophia Elisabeth von Anhalt (1604) wurde die Leitung des Stifts nicht mehr besetzt. Im Jahr 1616 gliederten die Fürsten von Anhalt als Gernröder Schutzvögte das Stift und seinen Besitz ihrem Fürstentum ein.

Aus dem Mittelalter sind Nachrichten über die Lebensbedingungen der Stiftsbewohner nur bruchstückhaft überliefert. Die wenigen erhaltenen Quellen werfen Schlaglichter auf das mittelalterliche Stiftsleben. Vieles, was wir über die Insassen wissen möchten, bleibt "schleierhaft", daher der Titel der Ausstellung. Er verweist außerdem auf die Kleidung, den "Schleier" als typische Kopfbedeckung der Stiftsdamen, auf die rituelle Verschleierung, die der Bischof beim Eintritt einer Konventualin vollzog. Der Titel "SchleierHaft?" trägt zum dritten der umstrittenen Frage Rechnung, ob die Stiftsdamen im Mittelalter eingeschlossen ("inhaftiert") waren, in strenger Klausur lebten.

Die Ausstellung gliedert sich in drei Bereiche. Auf der nördlichen Querhausempore werden die äußeren Lebensbedingungen der Stiftsinsassen vorgestellt. Das Stift Gernrode war in ein Netzwerk von geistlichen Frauen- und Männergemeinschaften in Sachsen eingespannt, die teils noch in karolingischer, teils in ottonischer Zeit von Bischöfen, Königen und vom Adel gegründet worden waren. Die Wirtschaftskraft des Stifts Gernrode wie der Propstei Frose basierte auf dem Grundbesitz. Er wurde durch Vögte, Ministerialen und Vasallen des Stifts verwaltet.

Die Gernröder Äbtissinnen unterhielten in salischer, ottonischer und staufischer Zeit vielfältige Beziehungen zu den herrschenden Königsdynastien, die ihrem Schutz und ihrer autonomen Rechtsstellung dienten. Im Gegenzug beherbergten sie den Herrscher und seine Familie während der Reise. Die Leitung des Konvents oblag der Äbtissin, die in rechtlichen Angelegenheiten nach außen durch den Vogt vertreten wurde. Exemplarisch für die lange Reihe der Gernröder Äbtissinnen steht die Biographie der ersten Äbtissin Hathuwi (* um 936, 1014).

Die Langhausemporen. Aufnahme: Clemens Kosch, Paderborn

Die Familie des Gründers Gero, seine Vorfahren, Geschwister und Nachkommen wird rekonstruiert. Das Stift Gernrode selbst übernahm die Rolle der Grablege für Geros Familie. Es war der Ort, an dem den Lebenden die Erinnerung an die Toten permanent vergegenwärtigt werden sollte. Daher bestand die Hauptaufgabe der Stiftsdamen und der Kanoniker von Gernrode darin, Tag und Nacht im Gebet und im Gottesdienst der Angehörigen der Stifterfamilie und der Wohltäter des Stifts zu gedenken. Um diese Aufgabe erfüllen zu können, mussten die Stiftsdamen Lesen lernen und eine gewisse Bildung erhalten. Memoria, Bildung, der alltägliche Ablauf im Konvent wird auf der südlichen Querhausempore gezeigt.

Das Obergeschoss des nördlichen Klausurflügels ist der Baugeschichte der Stiftskirche und ihrer Restaurierung im 19. Jahrhundert vorbehalten. Die Kirche, in der die Ausstellung stattfindet, lieferte den Stiftsbewohnern seit dem 10. Jahrhundert in wechselnder Gestalt den Rahmen für das tägliche Stundengebet, für feierliche Herrscherempfänge und für prunkvolle liturgische Aufzüge an den hohen Festen des Kirchenjahres.

Die Texte entsprechen der Themenabfolge und dem Aufbau in der Ausstellung.

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