Errichten und Verändern

Die Baugeschichte von St. Cyriakus

Die Stiftskirche zu Gernrode gilt als eine der am besten erhaltenen Sakralbauten ottonischer Architektur in Deutschland. Allerdings entspricht ihr heutiges Erscheinungsbild nicht dem ihres Ursprungsbaus aus dem 10. Jahrhundert. Die Kirche wurde mehrfach umgebaut und restauriert.

Dadurch veränderte sich ihr Aussehen nachhaltig. Obwohl St. Cyriakus verglichen mit anderen vorromanischen Sakralbauten einen ungewöhnlich umfangreichen Originalbestand aufweist, ist die ursprüngliche Anlage nur zum Teil sicher rekonstruierbar.

Westbau, isometrische Darstellung des heute noch vorhandenen ottonischen Mauerwerks Zeichnung: Dethard von Winterfeld, Mainz 1987

 

Mit dem Kirchenbau wurde unmittelbar nach der Gründung des Stifts um 961 begonnen. Bis zur Fertigstellung vergingen schätzungsweise 40 Jahre. Der älteste Teil der Kirche ist die Ostkrypta mit dem darüberliegenden Chor und dem angrenzenden Querhaus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Modell der Stiftskirche Gernrode, Innenraum 10. Jahrhundert, Blick nach Südwesten. Magdeburg, Kulturhistorisches Museum. Foto: Christian Richters, Münster

 

 

Als Gero 965 starb, konnte er möglicherweise bereits in der Vierung beigesetzt werden. Während der Amtszeit Hathuis wurde wahrscheinlich zunächst ein Westwerk mit Dreiturmfront errichtet. Als Letztes wurde dann das Langhaus fertiggestellt. Die aufwändig gestalteten Kapitelle der Säulen und Pfeiler sowie der Einbau der Langhausemporen werden oft auf byzantinische Einflüsse zurückgeführt, die mit Kaiserin Theophanu, der Gemahlin Ottos II., in Verbindung gebracht werden. Es gibt hierfür jedoch auch abendländische Parallelen.

Modell der Stiftskirche Gernrode, Rekonstruktion des ottonischen Baus, Westwerk. Magdeburg, Kulturhistorisches Museum. Foto: Christian Richters, Münster

Zum Vergleich rechts: Das Westwerk heute. Foto: Sönke Nielsen, Göttingen

 

 

Diese ungewöhnliche Bauabfolge führte zu einer Verschiebung der Längsachse. Die Westteile sind gegenüber der Mittelachse der Ostteile um etwa 3,5 nach Süden verschoben. Die Abweichung beträgt ungefähr zwei Meter. Man vermutet, dass im Bereich des Langhauses ehemals eine Kapelle stand, die für die Dauer des Baus erhalten bleiben musste, um eine langfristige Unterbrechung der Gottesdienstordnung zu vermeiden. Durch den bestehenden Baukörper war es allerdings nicht möglich, die Längsachse der Kirche genau zu fluchten.Vermutlich entstand hierdurch der auffällige Achsenknick. Der Raumeindruck, den die Kirche um 1000 vermittelte, entsprach ebenfalls nicht dem heutigen. Nach Westen wurde das Langhaus durch die Innenwand des Westwerks abgeschlossen, so dass der innere Kirchenraum deutlich kürzer war und vor allem auch wirkte. Zudem war das Kircheninnere vermutlich farbig ausgestaltet.

Grundriss der Stiftskirche Gernrode. Zeichnung: Messbild von 1905, ergänzt von Dethard von Winterfeld, Mainz 1987

 

 

Gegen Ende des 12. Jahrhunderts wurden tiefgreifende Veränderungen an der Kirche vorgenommen, die auch Einfluss auf die Liturgie hatten. In das Querhaus wurden Emporen eingezogen, die Langhausemporen geschlossen und die Kirche zu einer Doppelchoranlage umgestaltet. Außerdem entstanden Klausurgebäude. Bereits im 11. Jahrhundert wurde im südlichen Seitenschiff ein Heiliges Grab errichtet.

Westteile, Rekonstruktion des ottonischen Grundrisses auf Emporenhöhe nach Befund 1859. Zeichnung: Dethard von Winterfeld, Mainz 1987

Im Zuge der Restaurierungen im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Kirche letztmalig stark verändert. Der Anschein, dass es sich bei der Gernröder Stiftskirche um ein Denkmal des 10. Jahrhunderts handelt, trügt also. Von der Substanz her ist die Kirche heute im Wesentlichen ein Bau des 19. und 20. Jahrhunderts, der aber dank der schonenden Restaurierungen ebenso Elemente des 10. Jahrhunderts wie auch der darauffolgenden Epochen enthält.

 

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